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Der Weg
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„Stufen“ von Hermann Hesse, oder: Warum Routine lähmt

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Es ist für mich das Gedicht, das eine komplette Lebensanleitung beinhaltet und sich dabei so leicht liest wie perlender Regen: „Stufen“ von Hermann Hesse

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Ich frage mich, warum uns das Leben auch immer gerade dann, wenn gerade alles so schön gemütlich eingespielt ist, eine Veränderung präsentiert, die sich gewaschen hat. Als wollte es sagen: „Hey, nun mal hier aber nicht bequem werden! Beweg‘ dich!“

Und dann präsentiert es uns eine neue Herausforderung, die uns schlagartig aus der Bequemlichkeit heraus katapultiert. – Im besten Falle! Denn was ist die Alternative? – Eine schleichende Lähmung, die dir

  • zuerst alles ganz gemütlich scheinen lässt,
  • dann leicht, da alles routinemäßig flutscht,
  • aber dann verlangsamt sie nach und nach dein Denken, deine Beweglichkeit, den Fluss deiner Kraft.

Und ehe du dich’s versiehst, bist du gefrustet und hast das Gefühl, dass alles doof ist. Das ist dann das Zeichen, dass sich jetzt aber wirklich was ändern muss, und zwar du selbst!
Was du dann tun kannst, darüber habe ich neulich geschrieben: Warum Unzufriedenheit ein willkommener Zustand ist

Nein, heute schreibe ich keine Tipps.

Heute staune ich einfach nur, wie das Leben es besser weiß. Auf welch verblüffende Weise es uns Stufe um Stufe hebt und weitet.

Und wenn ich genau hinspüre in seine Aufforderungen, merke ich die Lebendigkeit darin!
Und so kann ich wählen, ob ich die Tragik sehe und den Zustand beklage, oder ob ich es begrüße, wie mich das Leben durcheinanderwirbelt und so quietschlebendig macht, wie es in der gemütlichen Routine des Alltags nie möglich gewesen wäre.

Und weil es so schön ist, hier das ganze Gedicht von Hermann Hesse:

Stufen (Hermann Hesse)

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

Autor: Helga Fischer

Sängerin & Autorin. Ich singe, inspiriere und berühre dich, dein Herz der Schönheit deines Lebens zu öffnen.

4 Kommentare

  1. In einem mich sehr beeindruckenden Buch mit dem Titel „Die Hölle war der Preis“ wurde an einer Stelle dieses Gedicht von Hermann Hesse zitiert. Es stand für Zuversicht in einer nahezu ausweglosen Situation und es hat mich ganz intensiv direkt angesprochen und erfasst. Irgendwie entstand bei mir das Gefühl „Das hat der Dichter für dich geschrieben“, nicht weil ich in einer ausweglosen Lage wäre, sondern weil ich gerade folgenschwere Entscheidungen für mein weiteres Leben getroffen habe. Dabei spielen tatsächlich auch Abschied und Loslassen eine zentrale Rolle. „Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen“eine Art Lebensmotto für mich schon seit vielen Jahrzehnten, ich habe davon schon sieben durchlebt.Ich bin dabei, dieses Gedicht auswendig zu lernen, damit ich es jederzeit für mich abrufen kann.

    • Dankeschön, liebe Inga, für deinen Kommentar.
      Dann verbindet uns dieses Gedicht, denn es begleitet mich auch schon ein paar Jahrzehnte und gibt mir immer wieder Trost, wenn es mal wieder heißt: Loslassen.
      Alles Liebe für deinen Weg wünscht dir
      Helga

  2. Liebe Helga,

    dieses wunderschöne Gedicht gehört auch zu meinen absoluten Lieblingsgedichten. Ich habe es vor Jahren schon ausgedruckt und unter meine Schreibtischunterlage gelegt. Ich lese es immer wieder gerne, vor allem wenn es mal wieder um einen „Abschied“ geht (welcher Art auch immer) und das Loslassen schwerfällt. Das ist ja auch eine der wichtigsten Lernaufgaben aller Menschen. Vielen Dank für die schöne Inspiration!
    Liebe Grüße und bis bald
    Petra

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